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pics4peaces
WINFRIED MUTHESIUS unterstützt das in Würzburg startende Friedens-und Demokratieprojekt pics4peace

Künstler-Workshop mit Winfried Muthesius zu pittura oscura am: 06.12.2017 in Würzburg (siehe Pressespiegel – Artikel „Kunst gegen Politikverdrossenheit“ vom 08.12.17)
Ausstellung von drei Schädelbildern im Staatlichen Museum für Franken: März/April 2018

Träger: Stadt Würzburg
Kooperationspartner: Staatliches Museum für Franken
Online-Ausstellung ab März 2018, siehe: www.pics4peace.de

art Berlin

mit Georges Rousse und „Angelus Novus“ von Winfried Muthesius

auf dem Stand der Galerie Springer

14.09.2017 – 17.09.2017

art berlin Eröffnung 14 SEP 2017, 16—20 Uhr

Die neu gegründete art berlin ist eine Kooperation der abc art berlin contemporary und der Art Cologne. Die Kunstmesse findet als Weiterentwicklung der abc im September 2017 erstmalig statt: Unter der Leitung von Maike Cruse, die bereits Direktorin der abc war, präsentiert die art berlin rund 110 internationale und nationale Galerien aus 16 Ländern in der Station am Gleisdreieck.

Berlin

art berlin – berlinartweek

 

Charakterköpfe – Griechen und Römer im Porträt

mit GOLDEN FIELD von Winfried Muthesius

12.07.2017 – 14.01.2018

Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek, Am Königsplatz, München

http://www.antike-am-koenigsplatz.mwn.de/de/glyptothek-muenchen.html

 

Zu schön, um wahr zu sein

Fachtagung zum Thema Kunst und Kirche im Dialog

Begleitend: Jahresausstellung Lichtungen

Evangelische Akademie zu Berlin, Villa Schwanenwerder

Eröffnung und Tagung: 12.07.2017 um 10.00 Uhr

https://www.eaberlin.de/seminars/data/2017/rel/zu-schoen-um-wahr-zu-sein/

 

Hommage an Hermann Wiesler – PAPIER + STAHL, Bilderleben II

Kunst- Kassette mit 43 Werken von 43 nationalen KünstlerInnen mit dem Schwerpunkt Berlin

29.04. – 25.05.17

Baumhaus Wismar

Eröffnung 29.04.17 um 16 Uhr

http://rck-kunststiftung.org/ausstellungen/andere-ausstellengen/wismar-baumhaus/

Muthesius mit Axt ans Altarbild

Schock in Kapelle – Die etwas andere Bildandacht

„Zu schön, um wahr zu sein“ ist der Titel eines Symposiums der Akademie Schwanenwerder, die anlässlich der Verabschiedung des Gründungsdirektors der Stiftung St. Matthäus, Pfr. Christhard-Georg Neubert, am 12.Juli 2017 stattfand. „Kunstwerke verwenden keine vernünftigen Argumente, um Wahrheit zu zeigen. (…) Für das religiöse Denken liegen darin Provokation und Reiz.“, so der Text in der Ankündigung der Evangelischen Akademie Berlin. Provokation stimmte. Was die Besucher bei der Bildandacht in der Kapelle des Tagungshauses erwartete war fast mehr als das:

Als die Gäste sukzessive im kleinen Kirchenraum Platz nehmen, treffen sie auf einen Mann in schwarzer Used-Look- Kleidung, der seelenruhig den Boden der Kapelle fegt, Winfried Muthesius. In gleichmäßigen Auf- und Abbewegungen streicht er mit seinem Besen über die grauen Steinfließen, obwohl sie nicht schmutzig aussehen, und reinigt sie. Mit einer Plastikplane, die er aus einer seitwärts stehenden großen schwarzen Tasche zieht, deckt er den Boden ab. Dann holt er zwei rohe Holzkisten, trägt sie in die Mitte und platziert sie auf der Plane. Die Besucher beobachten das seltsame Prozedere. Es herrscht absolute Stille im Raum. Muthesius zieht sich weiße Handschuhe an und tritt zum Altar, auf dem eine Stele mit einem armlosen, gekreuzigten Christus-Corpus eingelassen ist. Ein Kreuz sieht man nicht. Der Mann in Schwarz stellt sich hinter den Altar, wo üblicherweise der Pastor zu stehen pflegt, nur mit dem Rücken zu den Besuchern, und betrachtet eine Weile in Stille das goldene Altarbild an der Wand. Es stammt von ihm. Die Stiftung St. Matthäus hatte es vor einigen Jahren erworben. Das Altarbild ist ein Goldenes Feld. Es strahlt in den Raum hinein und erzeugt, verstärkt durch das diffuse Licht des bewegten Wolkenhimmels, spannende Lichteffekte. Wie eine Energiequelle wirkt es. Ein Bild, das an Ewigkeit erinnert, das über die Realitäten des Alltags hinausweist.

Muthesius nähert sich dem Altarbild vorsichtig mit weißen Handschuhen. Er nimmt das schwere und sperrige Teil von der Wand. Mit vor Anstrengung rotem Gesicht legt er es auf die Holzkisten über der Plane. Man glaubt, die Anspannung im Raum knistern zu hören. Der Mann öffnet erneut seine schwarze Tasche, holt eine Axt heraus und hebt zum Schlag an. Ein leises „Nein!“ wird gehaucht, erschrockene Gesichter, kaum wahrnehmbare Gesten; alles bleibt still vor Entsetzen. Man könnte eine Nadel fallen hören. Nach zwei bis drei Hieben in das Kunstwerk hält der Künstler inne, betrachtet das Bild, umrundet es konzentriert. Dann zieht er eine Kettensäge aus der Tasche. Mit ohrenbetäubend klingenden Heul-Geräuschen nähert er sich dem Bild, setzt das brachiale Werkzeug mit seinem scharfen Sägeblatt vorsichtig an, sägt ganze Seitenteile ab und zerstört die Vollkommenheit der feinen Gold- Strukturen. Noch immer absolutes Schweigen, fast erstarrt vor Schrecken sitzen die Zuschauer im Raum. Auch der Künstler verharrt bewegungslos vor seinem Bild.

Als der Tagungsleiter Langbein einlädt, nach oben zum ersten Vortrag zu kommen, stehen die Besucher auf, nähern sich dem auf den Kisten zwischen Sägespänen liegenden Bild und betrachten es ausgiebig, bevor sie gehen.

Was hier geschildert ist, war der Anfang einer Intervention, die der Berliner Künstler Winfried Muthesius im Rahmen seiner „Bildandacht“, wie es im Programm hieß, durchführte. Kunst und Kirche wollten in Dialog treten. Die Tagungsgäste hatten die einmalige Gelegenheit – ohne es zu wissen – dem Künstler bei seiner Arbeit über die Schulter zu schauen. Sie konnten zusehen, wie er ein vollkommenes GOLDEN FIELD in ein BROKEN GOLD – Bild transformierte. Sie waren Augenzeugen des ungewöhnlichen, brutal anmutenden Prozesses, der doch mit großem Feingefühl ausgeführt wurde.

Im Tagungsraum angekommen, mussten die Tagungsteilnehmer sich erst einmal bewusst werden, was da passiert war. Die absolute Stille hatte sie beeindruckt. Gleichzeitig waren sie erschüttert über sich selbst: Sie waren Zuschauer von einer Aktion, deren gewalttätiges Potenzial sie kommen sahen. Dennoch: niemand von ihnen habe protestiert oder sei gar eingeschritten. Der Kirchenraum sei als Schutzraum vertrauenserweckend gewesen, auch der Künstler habe mit großer Sorgfalt agiert; so versuchten sie ihr Verhalten zu erklären. Der Jesuitenpater und Kunstbeauftragte des Erzbistums Berlin wollte dem Künstler in einer ersten Reaktion für seine Kirchen am liebsten Hausverbot erteilen. Man müsse die Kunst auch vor ihrem Künstler schützen. Solche Radikalität gäbe es bei ihm nicht. Das sei auch ein Punkt, in dem sich seines Erachtens, die katholische Kirche von der evangelischen unterscheide. Ein Teilnehmer aus der Schweiz hingegen interpretierte Muthesius ́ Kunstaktion als echten Befreiungsschlag. Ihm war das GOLDEN FIELD zu perfekt an dieser Stelle; seiner Meinung nach, passe das neue gebrochene Goldbild passe besser in einen Kirchenraum, der Anlaufstelle für Menschen ist und zum Gekreuzigten.

Wie auch im Leben nichts wirklich vollkommen ist, alles seine Blessuren, sein Schicksal, seine Wunden hat, so erfuhr durch die Einwirkung des Künstlers im Sinne des Tagesmottos „Zu schön, um wahr zu sein“ auch das GOLDEN FIELD Verletzungen und Beeinträchtigungen. Fast erinnert das Ganze an ein meditatives Nachvollziehen, dessen, was bei der Kreuzigung passierte. Mit einem Reinigungsritus der anderen Art bereitete sich der Künstler darauf vor. Die Szenerie ist wie vor 2000 Jahren: Männer, Frauen, von

überallher, die gespannt zusehen, was passiert, vereinzelte Aufschreie, Aufruhr, und doch: man kann die Lage nicht richtig einschätzen. Dann wird das vollkommene Goldbild getragen, auf die Holzkiste gelegt und mit Axt und Säge bearbeitet, bis es nicht mehr da ist. Nur noch die zerfetzten und gebrochenen Überreste. Der Rahmen und große Teile der Bildrandes sind dem Prozess zum Opfer gefallen: Fassungs-los, beschädigt, mit Spuren der Gewalt versehen das Resultat. Etwas Neues ist entstanden. Auch Christus glaubten sie, sei weg, als sie ihn gekreuzigt hatten. Doch er kam als ein anderer wieder. Als Auferstandener, dessen Wunden durchaus noch zu sehen waren, die ihm aber nichts mehr anhaben konnten.

Vergleichbar mit Jesus, ist auch der geschlagene und verletzte Mensch, wenn er wieder aufsteht, schöner, gereifter, stärker, – wenn es gut geht: auch verständnisvoller. Das BROKEN GOLD-Bild kann gleichsam als Resümee dieses Symposiums verstanden werden. Es ist nicht „zu schön, um wahr zu sein“, sondern wahr, wahrhaftig und deshalb schön. Aus ihm scheint, trotz der Risse und Verletzungen, noch immer das Gold, das an das Ewige erinnert, und das in jedem Menschen zu finden ist. Immer.

Link zu FOTOS der Intervention hier.
Alle Fotos: Gierdre Kuliauskaite
https://www.dropbox.com/sh/z7jnvdc953uh9gd/AAC-EDCz3L8Aho8CotaAHf9va?dl=

Kunst gegen Politik-
verdrossenheit

Von Sophia Scheder, Mainpost, veröffentlicht 08.12.2017

Mit „pics4peace“ möchte Pia Beckmann junge Menschen für Demokratie begeistern

Würzburg

Es ist später Vormittag mitten in der Würzburger Innenstadt. Eine Gruppe von jungen Menschen läuft durch das Vorweihnachtsgewusel. Im Gepäck ein zwei mal zwei Meter großes Gemälde. Es ist sperrig, und sie müssen sich beim Tragen abwechseln, um es unversehrt vom Würzburger Rathaus zum Mainfranken Theater zu transportieren. „Soll das Kunst sein?“, fragt eine ältere Frau und schaut skeptisch zu der Truppe. Die Situation zieht große Aufmerksamkeit auf sich, doch die ehemalige Oberbürgermeisterin Pia Beckmann klärt die Passanten schnell auf, drückt ihnen ein Informationsblatt in die Hand. Es handelt sich um ein Projekt, das insbesondere Jugendliche motivieren möchte, sich für den Erhalt von Frieden und Demokratie stark zu machen.

Auftakt des Projektes

Zwei Stunden zuvor trifft sich die Gruppe, bestehend aus Informationsdesign-Studenten der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt (FHWS), mit Winfried Muthesius, dem Künstler des Gemäldes, und Pia Beckmann im Würzburger Rathaus.

Die Aktion ist Teil eines Workshops, der den Auftakt des Projektes „pics4peace“ bildet. „In einer Zeit, in der wir zunehmenden Radikalismus bei gleichzeitig abnehmender Zivilcourage erleben, müssen wir junge Menschen daran erinnern, wie wichtig es ist, dass sie ihre Ideen ausdrücken und weitergeben müssen. Wir müssen die Jugend gewinnen, denn momentan verschwinden mehr Demokratien, als neue entstehen“, sagt Beckmann. Die 54-Jährige ist Initiatorin des Projektes und Ideengeberin, den Startschuss mit einem Kunstworkshop mit dem Berliner Künstler Winfried Muthesius zu verbinden.

Malerei und Fotografie

Muthesius möchte in seiner eigens entwickelten „pittura oscura“-Technik die Erfahrungen von gestern, mit den Herausforderungen von heute zusammenbringen und den Blick auf das, was getan werden muss, damit es auch ein Morgen in Frieden und Demokratie gibt, verdichten. „‚Pittura oscura‘ ist eine Technik, bei der sich Malerei und Fotografie miteinander verbinden. Man kann nicht genau erkennen, was was ist und genau in dieser Situation wird es interessant“, sagt der Künstler. Der 60-Jährige trägt seine Gemälde an meist historische Orte, fotografiert sie dort ab und übermalt sie im Nachhinein mit Ölfarben.

Die Studenten durften an diesem Tag in genau diese Technik eintauchen. Nach einem kurzen Vortrag des Künstlers trugen sie ein Gemälde, welches Winfried Muthesius mit Blick auf Würzburg gemalt hat, zum Mainfranken Theater, um es dort zu fotografieren und im Anschluss selbst zu übermalen und zu gestalten. Die Leinwand zeigt schlichte und dennoch kraftvolle Bewegungen aus schwarzer Ölfarbe auf einem weißen Hintergrund. Das Gemälde bezieht sich auf den Schädel eines Mannes, der mutmaßlich einem Pogrom im Mittelalter zum Opfer gefallen ist.

„Habima-Skandal“

So lässt sich auch der Zusammenhang zum Demokratie-Projekt erkennen, denn der Ort vor dem Mainfranken Theater wurde nicht zufällig gewählt. Rund um das Theater ereignete sich im Jahr 1930 der „Habima-Skandal“: Hunderte gewaltbereite Menschen, darunter viele Studenten, versammelten sich am Mainfranken Theater – damals noch das Würzburger Stadt-Theater – um zu verhindern, dass die jüdische Theatertruppe Habima ihr Stück „Der Dibbuk“ aufführt. Zuvor hatte Otto Hellmuth, Landtagsabgeordneter der NSDAP, sie dazu aufgerufen. Es wurde auch versucht, das Theater zu stürmen, nachdem die überwiegend jüdischen Theaterbesucher unter Polizeischutz gestellt und über den Hintereingang in das Theater gebracht wurden.

„Und all das ist geschehen, während es in Deutschland noch eine Demokratie gab“, sagt Pia Beckmann. „Diese Geschichte zeigt, dass der Schritt von einer Demokratie zur Diktatur schnell gehen kann. Um zu erkennen, dass Demokratien gefährdet sind, brauchen wir nicht weit zu schauen, deswegen müssen wir alle alles tun, um den Anfängen zu wehren, auch wenn das Mut erfordert. Alle gemeinsam, alt und jung!“

Eigene Vision der Zukunft zeigen

Die zehn Studenten, überwiegend junge Frauen, sind von der Idee, die hinter „pics4peace“ steckt, begeistert. Mit großer Motivation schleppen sie die schwere Leinwand durch die Innenstadt – vorbei am Dom, quer durch die Eichhornstraße bis hin zum Theatervorplatz. „Ich merke aus meinem Umfeld, dass das Interesse an der Politik immer weniger wird. Das finde ich traurig, schließlich liegt die Zukunft in unseren Händen“, sagt eine Studentin. „Ich hoffe, dass wir mit unserer Kunst, der Politikverdrossenheit ein wenig entgegen wirken können“, sagt eine andere.

Die Studenten haben nun sechs Wochen Zeit und alle Freiheiten, ihr eigenes „pittura oscura“ zu kreieren. Die einzige Regel: In dem Kunstwerk die eigene Vision der Zukunft durchschimmern zu lassen und zeigen, worauf sie die Blicke lenken lassen wollen.

„pics4peace“

Das Schädelbild von Winfried Muthesius sowie die Ergebnisse der jungen Künstler der FHWS werden ab März 2018 im Museum für Franken auf der Festung Marienberg in Würzburg zu sehen sein. Dies wird auch der Startschuss für „pics4peace-online“ sein, der alle jungen Menschen zwischen 16 und 26 aufruft, kreative Beiträge zu Frieden und Demokratie über ihre Social Media-Kanäle auf www.pics4peace.de zu stellen.

Demokratie aus dem Netz

Von Julia Back, Mainpost, veröffentlicht 02.12.2017

pics4peace: Verstehen sich Jung und Alt nicht mehr? Würzburgs ehemalige Oberbürgermeisterin Pia Beckmann ist davon überzeugt – und will eine Jugendbewegung für Frieden und Demokratie starten.

Wir leben in unruhigen Zeiten. Terroranschläge, der Vertrauensverlust in Demokratie und die Sorge um die Zukunft bestimmen die Schlagzeilen. Studien zeigen, dass sich gerade junge Menschen von Politikern nicht verstanden fühlen, bei den Wahlen stellen sie mit die meisten Nichtwähler. Doch wie kann man die 16- bis 26-Jährigen dazu bewegen, sich wieder am politischen Prozess zu beteiligen? Und wie kann man die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft dazu bringen sich für die Sprache der Jugend zu öffnen? Pia Beckmann, Würzburgs ehemalige Oberbürgermeisterin, will mit dem Projekt pics4peace genau hier ansetzen. Warum und ob das überhaupt funktionieren kann, erklärt sie im Interview.

Frage: „pics4peace“ liest sich erst einmal geheimnisvoll. Worum geht es in Ihrem Projekt?

Pia Beckmann: Das Projekt hat zwei Richtungen. Zum einen sollen junge Menschen dazu motiviert werden, sich mit den Themen Frieden und Demokratie zu beschäftigen und einen Beitrag in ihrer Sprache zu leisten. Auf der anderen Seite sollen die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dazu aufgerufen werden, hinzuhören und die jungen Menschen zu beteiligen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Beckmann: Wenn man die Phänomene, die unsere Zeit momentan kennzeichnen, betrachtet, ist das für mich äußerst bedenklich. Das ist auch der Grund für das Projekt: die Sorge, wie das alles weitergehen soll. Die Radikalisierungstendenzen nehmen zu, Minderheiten werden offen ausgegrenzt und populistische Gruppierungen haben wieder Zulauf. Als Mutter bin ich extrem beunruhigt darüber, dass junge Menschen gleichzeitig nicht ausreichend am politischen Willensbildungsprozess teilhaben und sich von den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft nicht vertreten fühlen.

Inwiefern?

Beckmann: Die unter 30-Jährigen sind numerisch die kleinste Zahl in unserer Gesellschaft, 40 Prozent von ihnen gehen nicht zur Wahl. Die Themen unserer Zeit sind aber extrem wichtig für die Jugend. Wenn es um die Rente oder natürliche Ressourcen geht, betrifft das die jungen Leute. Deshalb müssen sie animiert werden, sich zu beteiligen. Das ist eine Holschuld, aber auch eine Bringschuld.

Aber warum werden die jungen Bürger nicht mehr erreicht?

Beckmann: Eine Hauptursache ist meiner Meinung nach, dass die digitalen Jungen und die analogen Älteren heute gleichsam in Parallelwelten leben. Es scheint, als wären sie durch eine Scheibe getrennt. Man sieht sich, aber man erreicht sich nicht wirklich. Das Kommunikationsverhalten von jungen Menschen unterscheidet sich komplett von dem der Generation, die heute Verantwortung in Politik und Gesellschaft trägt. Als Konsequenz finden sie keinen Zugang mehr zu den jungen Menschen und diese fühlen sich nicht verstanden.

Dort soll pics4peace ansetzen. Aber was genau soll das Projekt sein? Ein Blog, ein Videoformat, eine Ausstellung?

Beckmann: Es besteht aus drei Teilen: pics4peace vor Ort, pics4peace Online und pics4peace im Dialog. Der Auftakt findet im Staatlichen Museum für Franken statt. Dort soll eine öffentlichkeitswirksame Ausstellung zum Thema Demokratie und Frieden mit dem renommierten Künstler Winfried Muthesius und zehn jungen Kreativen der Fachhochschule für angewandte Wissenschaften stattfinden. Das soll möglichst große Aufmerksamkeit erzeugen und den Startschuss für die parallel laufenden Teile bilden.

Und wie sind die beiden anderen Bestandteile gestaltet?

Beckmann: Die Online-Ausstellung will alle jungen Menschen zwischen 16 und 26 Jahren ansprechen. Sie können auf der Website www.pics4peace.de, die im März an den Start gehen soll, Fotos, Bilder, Texte, Musik oder Videoclips hochladen und ihre Vorstellungen von der Zukunft zum Ausdruck bringen. Uns interessiert, was sie bewegt. Sie ernst zu nehmen, und an ihrer Umsetzung mitzuarbeiten, ist die Chance für die Verantwortlichen. Ziel ist es, jungen Menschen eine Stimme auf ihrem Kommunikationsmedium zu geben. Zeitgleich gehen wir mit pics4peace bei mehreren Veranstaltungen in den Dialog.

Wie kann so ein Dialog aussehen?

Beckmann: Ein Beispiel: Ein Arbeitgeber ermutigt im März seine 16- bis 26-jährigen Mitarbeiter, ein pics4peace zu kreieren. Im Mai lädt er zu einem Dialogtag ein, an dem diese gezeigt werden. Die Jungen können sich dann mit der Chefetage des Unternehmens und Vertretern aus der Politik über die Beweggründe für ihr pics4peace austauschen, sagen, was ihnen wichtig ist. Im besten Fall können Themen direkt aufgegriffen werden. Der Dialog schafft gegenseitiges Vertrauen, verbessert das Klima untereinander und ermutigt, aneinander dran zu bleiben.

Wer ist alles an dem Projekt beteiligt?

Beckmann: Die Stadt Würzburg ist Träger des Projektes, das Kulturamt und der Fachbereich Jugend sind involviert, das Museum für Franken ist Kooperationspartner. Ich unterstütze das Ganze ehrenamtlich. Dazu stehen wir mit Social Influencern im Kontakt, die sich für das Projekt interessieren.

Sie wollen eine junge Friedens- und Demokratiebewegung auf den Weg bringen. Warum starten Sie in Würzburg und nicht in München oder Berlin?

Beckmann: Das sind die Nächsten. Wir leben in Würzburg und beginnen hier. Das Tolle an dem Projekt ist, dass die Online-Plattform ja unbegrenzt ist. Das kann auch auf internationale Ebene gehoben werden.

Trauen Sie sich das zu?

Beckmann: Man muss immer einen ersten Schritt gehen. Wie es uns gelingt und wie viele da mitmachen – das wird man sehen. Aber man kann nicht mehr als anfangen und Überzeugungsarbeit leisten. Die Alternative nichts zu tun, war einfach keine.

Was wäre ihr Wunschziel?

Beckmann: Jeder einzelne, den wir erreichen und der sagt, ,Hey das ist meine Zukunft, ich muss mich äußern‘, ist ein Gewinn. Auf der anderen Seite muss auch ein Umdenken bei den Verantwortlichen stattfinden. Wenn nur einer bewegt wird, anders zu denken und in Dialog zu treten und es zu einem Miteinander kommt, hat man schon einen Teil des Ziels erreicht, und je mehr desto besser.

Wie sieht die Finanzierung für das Projekt aus? Lässt sich das überhaupt vermitteln, was sie da planen?

Beckmann: Das ist tatsächlich ein bisschen schwierig. Neben Stadt und dem Museum für Franken hat auch die Sparkassenstiftung ihre Unterstützung zugesagt. Daneben suchen wir weitere Spender. Wir haben einen Antrag beim bayerischen Kulturfonds gestellt. Sie unterstützen zwar die Idee, können aber nur Analoges finanziell unterstützen. Das ist ein strukturelles Problem.

War früher alles besser oder haben sich nicht schon immer Generationen gegenseitig nicht verstanden?

Beckmann: Ich glaube, dass wir momentan eine Glaswand haben, die so fest ist, wie noch nie. Vor 50 Jahren gab es ein grünes Telefon mit Wählscheibe, später dann Handys, heute Smartphones. Das ist ein ganz anderer Zugang. Ich würde nicht sagen „Früher war alles besser“, sondern wir leben im Heute und es ist unsere Aufgabe, etwas daraus zu machen. Für die Jüngeren, weil sie ihre Zukunft gestalten möchten, und für uns in Sorge um die Zukunft.

Glyptothek-Ausstellung Dicker Nero, reiches Kind

Von Patrick Bahners, faz.net, veröffentlicht: 13.07.2017, 21:47 Uhr

Dieser Kaiser hat den Mund ja wohl zu voll genommen, das sieht man doch auf einen Blick: Die Münchner Glyptothek zeigt antike „Charakterköpfe“ – um zu zeigen, wie problematisch das Porträtideal des Charakteristischen ist.

Welch edle Stirn! Welch schwungvolle Lockenpracht, welch mächtiges Stirnbein! Welch energisches Kinn und welch charaktervolle Nase! Tja, ein bedeutender Mann. Marcus Vipsanius Agrippa nämlich, der Jugendfreund, General, Stellvertreter und zeitweilig designierte Nachfolger des Augustus. Edward Gibbon, der Historiker des Römischen Reiches, sah 1764 in den Uffizien eine Bronzemünze mit dem Profil Agrippas aus einer Serie, aus der jetzt ein Exemplar in der Münchner Glyptothek in einer Vitrine einer Ausstellung zum griechischen und römischen Porträt liegt, die heute eröffnet wird. Gibbon glaubte in Agrippas Zügen „die Eigenschaften des Freimuts, der Großherzigkeit und Einfachheit lesen zu können, die diesen bemerkenswerten Mann charakterisierten“. Er glaubte es – und bekam Zweifel. Denn er kannte die Eigenschaften Agrippas aus der Literatur, und er wusste, wer auf der Münze dargestellt ist. Die Umschrift sagt es.

Die Physiognomik gehörte zu den kulturellen Techniken, die Gentlemen auf der Grand Tour durch das Studium von Überresten der antiken Kunst trainieren sollte. Hochgebildete Reiseschriftsteller hatten die Autopsie klassischer Porträts als Vorschule der Psychologie empfohlen. Aber Gibbon fragte: „Ist es wirklich so alltäglich, dass sich die Seele eines Mannes in seinem Gesicht lesen lässt?“ Er malte sich eine Gegenprobe aus, mit einem nicht durch Vorkenntnisse der literarischen Überlieferung vorbelasteten Probanden. „Ich würde gerne einmal von einer ungebildeten Person hören, die beim Anblick eines Kopfes des Nero ausruft: ,Das ist ein Schurke!‘ Es ist so leicht für den Gelehrten, der schon weiß, dass er einer war.“

Der Münchner Nero-Kopf aus dem Urbestand der Glyptothek, 1811 in Rom erworben, ist eines der frappantesten Stücke der Schau. Er hat monumentales Format, misst vom Kinn bis zum Scheitel 34 Zentimeter. Dieser Mann braucht Platz, um sich auszudehnen, aber weniger im Sinne der generalstabsmäßig kontrollierten Expansion als des ungezügelten organischen Wachstums. Drastisch beschreibt der Katalog den im Alter von etwa dreißig Jahren Porträtierten als „aufgedunsen, ja fett“. Es ist eine kluge Grundentscheidung, dass sich die Ausstellung bei den Beschriftungen zurückhält. Die einzelnen Sockel sind nicht ausgezeichnet, man schaut also nicht automatisch aufs Schildchen. Den Münchner Nero dürfte, solange er inkognito bleibt, niemand spontan als Schurken apostrophieren. Ein Vielfraß, Prasser, Verschwender, Lotterlebensmann – das ja, doch ein Schurke wird erst daraus, wenn man die Geschichte Neros kennt und die prononcierte Fleischlichkeit des Porträts als Symptom der Dekadenz des Künstlers auf dem Throne der Cäsaren interpretiert.

Gute Miene zum bösen Spiel

Und diese Lesart ist nach allen Regeln der historischen Methode ausgeschlossen. Denn man deutet die Skulptur dann als Karikatur. Sie muss aber in offiziellem Auftrag entstanden sein. Ein Herrscher, der gute Miene macht, wenn ihm sein Auftragskünstler die Züge eines Bösewichts gibt, ist schwer vorstellbar, selbst wenn Nero sich als Künstlerkollege verstanden haben sollte. Daher wird man die Versuchsanordnung von Gibbons Gedankenexperiment ironisch verstehen: Die Ironie geht auf Kosten der Gelehrten, die sich auf ihr angelesenes Wissen verlassen, ohne sich über dessen Herkunft Gedanken zu machen. Über das politische Spitzenpersonal der frühen Kaiserzeit sind wir außerordentlich gut informiert.

Die Jahrbücher und Biographien der Historiker Tacitus und Sueton, die allerdings keine Zeitgenossen waren, bieten viele sprechende Details, also das, was man Charakterzüge nennt, einzelne hervorstechende Merkmale. Die Persönlichkeitsbilder der Kaiser verraten einen kaiserfeindlichen Standpunkt, die Perspektive senatorischer Kreise, in denen man der Republik nachtrauerte. Es ist unmöglich, diese pathologische Sichtweise der historiographischen Quellen mit den Stilisierungen der marmornen Herrscherpropaganda zur Deckung zu bringen. Und selbst der Abgleich von Informationen zum Aussehen der Kaiser kann schwierig sein, weil auch deren Auswahl bei den Historikern von der Absicht bestimmt ist, die Personen moralisch erkennbar zu machen.

Nonverbal und offen

Die Philologie hat aus Schriftwerken der Verherrlichung des kaiserlichen Roms wie der Aeneis des Vergil Zwischentöne des verdeckten Widerspruchs herauspräpariert, „further voices“ (Oliver Lyne). Dagegen hat die Geschichte des antiken Bildnisses an ihren Gegenständen offenbar noch keine „weiteren Schattierungen“ entdeckt. Jenseits der unterschiedlichen Auftragslage von Dichtern und Bildhauern stehen wir hier wohl vor einem grundsätzlichen Unterschied der Gattungen: Das nonverbale Porträt wirkt auf den ersten Blick offener als die ausbuchstabierte Charakteristik, aber die mit der Verpflichtung auf Abbildlichkeit gegebene Unterbestimmtheit des Bildwerks bildet ingeniösen Umdeutungen kaum Ansatzpunkte.

Die Fülligkeit des auf etwa 65 nach Christus datierten Nero-Kopfes interpretiert der Katalog als Symbol der Fülle. Glaubwürdiger als der disziplinierte Familienunternehmer Harold Macmillan, eher schon wie Bill Clinton oder Helmut Kohl konnte der kindliche Kaiser seinen Mitbürgern mit Verweis auf die eigene Gestalt zurufen: Ihr hattet es noch nie so gut! Der Begriff der „luxuria“ sei ins Positive gewendet worden, ein Individualismus, der den Männern der von der Politik entlasteten Führungsschicht auch die Pflege ungesunder Hobbys erlaubt habe, sei schließlich auch in der Selbstdarstellung des mächtigsten Individuums durchgeschlagen. Literarische Belege für diesen Einstellungswandel führt der Katalog nicht auf: Die Evidenz des Szenarios ergibt sich aus dem Postulat, dass der dicke Kaiserkopf als positives Bild verstanden werden muss.

Ein Mann des Exzesses mit Riesenbabyface

Indem die Ausstellung den Münchner Nero an Privatbildnisse der Epoche heranrückt, widerspricht sie der These, dass Nero mit den Konventionen des Kaiserporträts seit Augustus gebrochen habe. In dieser Denkfigur des allein im Herrscherporträt greifbaren Stilbruchs schimmert das traditionelle Bild von Nero als Mann des Exzesses durch. Der Besucher lernt: Das Riesenbabyface hob sich von seiner Umgebung weniger stark ab, als man meint, wenn man vor dem Kopf steht.

Die Ausstellung, nach Angaben der Glyptothek die bislang weltweit größte zu ihrem großen Thema, lehrt sehen, indem sie im Titel gleich doppelt etwas vorspiegelt, was sie gar nicht zeigen kann: „Charakterköpfe“ sind die Idealvorstellung, die sich die Neuzeit von den fast nur in Bruchstücken erhaltenen antiken Porträts gemacht hat. Die meisten Köpfe gehörten zu Statuen, und die Vorstellung, die Nase sei von sich aus charaktervoll, ist eine Illusion. Man erfährt, wie viel an der Machart dieser Werke, die einen und nur einen Menschen zeigen sollen, Konvention und Nachahmung ist. Es konnte auch mehr oder weniger einfach ein Nero in einen Domitian umgearbeitet werden. Was auf den zweiten Blick nicht mehr ganz so frappant wirkt, macht gleichwohl staunen, weil man nun weiß, wie schmal der Spielraum war, den die Gattung für Variation und Innovation ließ: So öffnet die Ausstellung die Augen durch optische Enttäuschung.

Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder konnte die Glyptothek eine Lücke in ihrer Kaisergalerie schließen: Aus dem spanischen Kunsthandel wurde ein 1937 in Córdoba ausgegrabener Kopf des Caligula erworben. Der Kaiser trägt wie der Augustus der berühmten Münchner Büste die „Bürgerkrone“ aus Eichenlaub, das Abzeichen der republikanischen Tugendhelden. Betrachtet man die beiden Köpfe nebeneinander, wird man den Eindruck einer Individualisierung der Physiognomie des jüngeren Kaisers schwer abweisen können. Und damit meldet sich auch die Frage nach dem Charakteristischen zurück. Man kann ja seinen Sueton nicht ungelesen machen. Wo versteckt sich der Schurke?

Caligula und Co.

von Simone Dattenberger, merkur.de, aktualisiert: 12.07.17 09:49 Uhr

Die Münchner Glyptothek zeigt die atemberaubende Ausstellung „Charakterköpfe – Griechen und Römer im Porträt“

München – Eigentlich wäre es höchste Zeit, dass Helmut Kohl eine Ehrenstatue erhält. Da sind sich die Archäologen in der Münchner Glyptothek einig. Aber wir sind nicht im Alten Rom. Also halten wir uns an die Erfinder des Porträts – des Bildnisses, das individuelle Züge trägt –, und das sind die Griechen, wie Museumschef Florian S. Knauß anmerkt. Da die Antikensammlungen dank Ludwig I. einen international einmaligen Bestand an derartigen Kunstwerken haben, können sie die Ausstellung „Charakterköpfe – Griechen und Römer im Porträt“ ganz groß hinlegen. Beim ersten Blick darauf ist man wirklich geplättet. Mischt sich der Besucher unter die Herrschaften auf ihren Stelen (auf den hölzernen sind die Leihgaben), bemerkt man die Gruppierungen, Zusammenhänge werden klar, und es entsteht ein anmutiger Rhythmus, der durch drei Säle gleitet.

In der Glyptothek bietet man 130 Köpfe aus eigenen Besitz auf – 40 davon wurden aus dem Depot geholt – sowie 30 Leihgaben aus den besten Antikenmuseen der Welt, darunter den Kolossalkopf des Konstantin aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art. Er markiert vor dem Goldbild das Ende der Schau und damit den Übergang von der Spätantike zum Mittelalter. Kurator Christian Gliwitzky weist denn auch schmunzelnd auf den vergeistigten Blick des christlichen Kaisers hin. Den Beginn der Ausstellung erreicht der Betrachter aber mitten im Museum nach den Ägineten. Noch hier wird man von einem Beamten begrüßt, der den Helm zurück auf den Kopf geschoben hat; oft soll er Perikles darstellen. Der Athener Politprofi war „Stratege“, also demokratisch gewählter Militärfachmann. Die anderen Athener Beamten bekamen ihren Posten durchs Los. Mit dem Typus des „Strategen“ startet der Betrachter die Zeitreise durch 1000 Jahre Porträt im 5. Jh. v. Chr.

Vorher war strenge Stilisierung angesagt und nachher, im Mittelalter, wieder. Erst die Renaissance entdeckte das Bildnis neu und nahm die antike Tradition zum Vorbild, das – insbesondere als Büste – die folgenden Jahrhunderte prägte. Gliwitzky geht chronologisch vor, wobei sich wunderbar der gleitende Übergang von der griechischen zur römischen Menschendarstellung ergibt. Zugleich fasst der Wissenschaftler Gruppen thematisch zusammen. Bei den Griechen die Dichter und Philosophen, die fast Alexander den Großen verdrängen. Sind diese Intellektuellen schon knorrige Gesellen, zeigen sich die römischen Republikaner zunächst noch kantiger (1. Jh. v. Chr). Da finden sich intensive psychologische Studien.

Dabei war das, was wir heute aus den Gesichtern lesen, den antiken Menschen nicht wichtig. Es ging nicht um intime Seelendetails, sondern darum, wie man sich nach außen darstellte. Jedes Porträt war ein Kunstwerk im öffentlichen Raum, das die Person und/oder deren Familie heraushob. Damit wurden auch klare Image-Strategien ausgeheckt. Signalisierten die Republikaner-Antlitze durch ihre Furchen Alter und damit Erfahrung, postulierte der glatte Augustus selbst im Alter, dass ihm die Zeit nichts anhaben konnte. Mode spielte ebenfalls eine Rolle. Mal waren die Haare eher natürlich, mal kringelten sich die Löckchen, bis die Steinmetzkunst heiß lief. Besonders die Damen in der späten Kaiserzeit zeigten Erstaunliches. Im Übrigen gibt es wenige Frauenporträts. Wenn jedoch eine Kaiserin für den Fortbestand der Dynastie sorgte, war ein Porträt fällig. Es wurde im Lauf der Lebensjahre stetig variiert. So gibt es von Faustina (Marc Aurels Gattin) elf Bildnistypen. In solch adeligem Clan-Zusammenhang finden sich auch liebevolle Kinder-, sogar Babyporträts.

Überhaupt sollte der Betrachter all diese öffentlichkeitswirksamen Postulate durchaus als Kunstwerke wahrnehmen. Kunst ist raffiniert und entwindet sich oft dem Auftraggeber. Deswegen begegnen uns in vielen „berühmten“ Gesichtern Menschen, die wir auf dem Königsplatz genauso wie am Hauptbahnhof treffen könnten. Caligula allerdings würde mit seinem Kranz im Haar auffallen. Der in Spanien ausgegrabene Kopf ist eine Neuerwerbung, die stolz präsentiert wird und die bayerische Bildnissammlung bereichert.

Bis 14. Januar 2018, Di.-So. 10-17, Do. 10-20 Uhr; Telefon: 089/ 28 61 00; Katalog: 29,90 Euro.

Muthesius erfolgreich auf der Art Karlsruhe

„golden bubble“ und „pittura oscura“ auf dem Stand der Galerie Springer in Halle 1

Frisch und spannend waren die Eindrücke, die die Art Karlsruhe in ihrem 14. Jahr vermittelte. 211 Aussteller aus elf Nationen präsentierten eine große Bandbreite an qualitativ anspruchsvollen Beiträgen, angefangen von Klassischer Moderne bis hin zur Gegenwartskunst. 1.500 international renommierte Künstlerinen und Künstler stellten ihre Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Installationen einem interessierten Publikum von ca. 50.000 Besuchern vor.

Auch der 1957 in Berlin geborene Maler und Fotograf Winfried Muthesius war unter ihnen. Bekannt wurde er u.a. durch die Aktion „Himmel unter Berlin“, bei der er seine „Golden Fields“ in den U-Bahnhöfen Berlins ausstellte: Stille Interventionen in der betriebsamen Hektik der Pendler unter der Stadt. Ganz im Sinne von Joseph Beuys, der sagte „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt.“ Muthesius begibt sich in seinem Schaffen auf Spurensuche. Dabei stellt er das Reale an den Anfang seiner Arbeit, beobachtet es aus unterschiedlichsten Perspektiven und setzt es in neue Zusammenhänge, teilweise in sehr aufwändigen künstlerischen Arbeitsprozessen.

In Halle 1 der Art Karlsruhe, auf dem Stand der Galerie Springer Berlin, zeigte Muthesius ein Exponat aus seiner Serie „golden bubble“ aus dem Jahre 2003. Das Gemälde aus Öl auf goldenem Schlagmetall auf Holz vermittelt enorme Präsenz und dennoch Leichtigkeit.

Seine zweite dort ausgestellte expressive Arbeit gehört zu den von ihm entwickelten „pittura oscura“. Dabei handelt es sich um vielschichtige Bilder mit Tiefenwirkung, die in mehreren Arbeitsprozessen entstehen und die Genren Fotografie und Malerei verbinden.

Für die 180 auf 120 cm große Fotografie der Serie X wurde zunächst ein Schädelbild gemalt; dieses installierte Muthesius am Kottbusser Tor in Kreuzberg (X), einem sozialen Brennpunkt in Berlin. Diese Installation in der sowohl architektonisch als auch sozialräumlich spannenden Umgebung fotografierte Muthesius; er übermalte das Foto schwarz-rot und reproduzierte es erneut. Ein geheimnisvolles, nicht auf den ersten Blick zu durchschauendes, spannungsgeladenes Kunstwerk, ist das Ergebnis. Es zog in Karlsruhe viele Blicke auf sich. 

GOLDEN FIELDS von Winfried Muthesius in Berliner U-Bahn-Stationen

Unverwüstliche Segenszeichen von Benjamin Lassiwe, Fuldaer Zeitung, Nr. 66, 18.03.17, S. 15

„Kunst strebt nach Unvergänglichkeit. Im Berliner Untergrund ist dieser Anspruch Wirklichkeit geworden. Davon können sich die Besucher des Deutschen Evangelischen Kirchentags im Mai überzeugen.

Passanten strömen die Treppen  hinunter, hasten auf den Bahnsteig: Im Berliner UBahnhof „Kurfürstendamm“ ist Tag und Nacht Betrieb. Da ist ein großes, goldenes Quadrat an der Wand des Treppenhauses leicht zu übersehen. Es ist ein letzter Gruß des ersten bundesweiten Ökumenischen Kirchentags, der 2003 in der Bundeshauptstadt stattfand. Damals installierte der Berliner Künstler Winfried Muthesius mehr als 100 solcher Quadrate in den U- und S-Bahnhöfen der Berliner Innenstadt. Am Kurfürstendamm, am Zoologischen Garten, am Alexanderplatz oder dem S-Bahnhof Brandenburger Tor, der damals noch „Unter den Linden“ hieß. Sie hingen neben Rolltreppen und Papierkörben, in Treppenhäusern und zwischen Werbetafeln. Und sie hatten ein Ziel: „Es sollten kleine Segenszeichen im Untergrund sein“, erinnert sich Muthesius. „Golden Fields“ nannte der Künstler seine Aktion, „Goldene Felder“. Auch wenn die Quadrate nicht aus Gold waren: Den Plan von Muthesius, die Quadrate mit Blattgold zu bedecken, fanden die Organisatoren des Kirchentags zu protzig. Stattdessen wurde es Schlagmetall. Dass die Werke die Zeit überdauert haben, hat auch den Künstler überrascht. „Es war geplant, dass sie mit der Zeit verblassen, zerkratzt und entfernt werden“, sagt Muthesius. „Zerstörbar“ und „verletzbar“ sollten die Quadrate sein, heißt es auch im Katalog zu der Aktion, die der damalige Münsteraner Kunsthistoriker Thomas Sternberg verfasste, heute Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Doch das reale Leben ist manchmal nicht planbar: Berlins Verkehrsbetriebe hatten eine Firma beauftragt, die UBahnhöfe vor Graffitti zu schützen. Deren Mitarbeiter brachten eine Schutzschicht an den Wänden an. Auf manchen U-Bahnhöfen wurden die goldenen Quadrate dadurch hart wie Stein. „Die kriegt man einfach nicht mehr ab“, sagt Muthesius. Dass manche der Segenszeichen von 2003 auf diese Weise auch für die Besucher des Evangelischen Kirchentags im Mai sichtbar sind, freut den Künstler. Goldene Flächen gehören weiterhin zu den künstlerischen Markenzeichen von Muthesius. In der Münchner Glyptothek hängt eine seiner Arbeiten hinter einer Statue des Gottes Apollo; in der katholischen Berliner Kirche Sankt Canisius ist sie das Altarbild. „Mich fasziniert diese Farbe, vor allem in dunklen Räumen“, erklärt Muthesius. Dann gehe ein geheimnisvoller, warmer Glanz von ihr aus. Goldene Flächen hätten etwas „Sakrales, Introvertiertes, in sich Gekehrtes“. Mit seinen neuesten Arbeiten versucht Muthesius, das Thema weiterzudenken: Er bringt goldene Quadrate an sozialen Brennpunkten an – etwa unter der Brücke am Berliner Bahnhof Zoo. Dort allerdings durchzieht ein dunkler Riss das goldene Segenszeichen.“